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Teil 1



BEWEGUNGSFREIHEIT I
Die Charta von Lampedusa fordert Bewegungsfreiheit für alle Menschen. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte von Migrationen. Heute ist Migration hingegen ein integraler Bestandteil des neoliberal-kapitalistischen Wirtschaftssystems. Migrationspolitik dient gegenwärtig hauptsächlich der erneuten Verfestigung gesellschaftlicher Klassen, kolonialer Beziehungen und Ungleichheiten zwischen Staaten. Jede politische Rhetorik, welche die Mobilität von Migrant_innen einschränken will, ist heuchlerisch: Dem Grossteil der Menschheit diktiert die globalisierte Wirtschaft, wohin sie sich bewegen sollen und dürfen. Nur eine privilegierte Minderheit kann sich in der Welt frei bewegen und ihren Lebensplan selbstbestimmt verwirklichen. Die Regulierung der Migrationsbewegungen schließt die Einen ein und die Anderen aus. So werden ungerechte soziale, rechtliche und wirtschaftliche Lebenslagen geschaffen für Millionen von Menschen, die in der Welt unterwegs sind, denen aber selbstbestimmte Bewegungsfreiheit verweigert wird. Die Charta von Lampedusa akzeptiert keine Unterteilung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Staatsangehörigkeit, wirtschaftlichen, rechtlichen und sozialen Situation oder aufgrund der Bedürfnisse der Ankunftsländer. Menschen sollen nicht unterschieden werden zwischen diesen, die sich frei bewegen können und jenen, die dafür eine Erlaubnis erbitten müssen, die dafür Diskriminierung, Ausbeutung und (sexuelle) Gewalt erleiden müssen, denen ihre Freiheit geraubt wird, die zur Ware werden oder das Risiko eingehen müssen, ihr Leben zu verlieren.

FREIE WAHL DES AUFENTHALTSORTES I
Durch die Politik der Regulierung und Kontrolle der Migration werden individuelle Migrationsrouten von aussen definiert, indem Migrant_innen in bestimmten Ländern festgehalten werden sowie in Transitländer oder in die Länder der Erstankunft zurückgeschickt werden. Diese Politik verhindert die freie Wahl der Reisewege und des Aufenthaltsortes und das Recht zur selbstbestimmten Lebensgestaltung. Die Charta von Lampedusa löst sich vom Konzept, das von Besitz und Privatisierung von Territorien ausgeht. Das bedeutet auch eine Loslösung von der Tradition der Nationalstaaten. Die Charta von Lampedusa fordert die Freiheit eines jeden Menschen, den eigenen Lebensort selbst zu bestimmen. Daraus folgt die Freiheit, die Hindernisse, die diesem Plan im Wege stehen, beiseite zu schieben und zu bekämpfen. Diese Freiheit haben auch Minderjährige, die als bewusste Personen betrachtet werden. Gleichzeitig gebührt Minderjährigen ein besonderer Schutz.

BLEIBEFREIHEIT I
Das heutige Wirtschaftsmodell erzeugt bewaffnete Konflikte, Klimakatastrophen und globale Ungerechtigkeiten, die grosse Teile unseres Planeten zerstören. Der wirtschaftliche Wachstumstrieb ignoriert Umweltschutz und damit die Zukunft der Menschheit. Die Produktion wird anOrte verlagert, an denen keine Regulation den Profit behindert. Die Entscheidung zu migrieren scheint auf den ersten Blick eine freie und private Entscheidung zu sein, doch sie ist eng verflochten mit dem ökologischen und sozialen Kontext, indem sie entsteht. Die Ungleichheiten und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten verhindern, dass Millionen Eltern ihr Bleiberecht einfordern können und verunmöglicht, dass ihre Kinder in ihrer Nähe aufwachsen. Denn allzu häufig müssen sich Mütter, Väter oder beide Elternteile, oder sogar Minderjährige auf den Weg machen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.
A. Sowohl formelle Verordnungen als auch informelle Absprachen regeln Rückweisung, Identifikation, Internierung und Inhaftierung. Sie schreiben legale Migrationsrouten vor und weisen unterschiedliche Aufenthaltsstatus zu. Sie schränken damit die migrierenden Menschen in ihrer Wahlfreiheit ein, ihr Ankunftsland und ihren Aufenthaltsort selbst zu wählen.
B. Die Charta von Lampedusa fordert Bleibefreiheit: Dies ist das Recht derjenigen, die ihr Land verlassen, sich an jedem gewählten Ort - eben auch außerhalb des eigenen Herkunftsortes oder eines früheren Lebensmittelpunktes innerhalb der nationalen Grenzen - niederzulassen und dort ihr Lebensprojekt zu verwirklichen. Das Aufenthaltsrecht ist heute von der wirtschaftlichen Verwertbarkeit eines_r Migrant_tin abhängig. So wird über Menschen Macht ausgeübt und ihr rechtlicher Aufenthaltsstatus sowie ihre Lebenschancen festgelegt. Die Charta von Lampedusa fordert grundsätzliches Bleiberecht im Land der eigenen Wahl, unabhängig von der Ausübung einer Arbeit, deren Bewilligung und Anerkennung auf den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes des Ankunftslandes basiert. Die Bleibefreiheit und die Freiheit am Ort der Wahl ein Lebensprojekt aufzubauen, beinhaltet des weiteren: die Abwesenheit von jeglicher Ausbeutung, sowie den Zugang zu Gesundheitsversorgung, Unterkunft, Arbeit, Bildung, Kommunikation und Information, vor allem auch den Zugang zu r rechtlicher Information ohne jegliche Art von Diskriminierung. Ebenso schliesst die Bleibefreiheit das Recht mit ein, sich gegen Hindernisse, die die Ausübung dieser Freiheit behindern, zu wehren.

FREIHEIT, DAS EIGENE LEBEN ZU LEBEN I Fortwährende und politisch bedingte Konflikte sowie klima- und umweltbedingte, wirtschaftliche und soziale Katastrophen zwingen Menschen zum Verlassen ihrer Heimatorte. Die Charta von Lampedusa fordert, dass jeder Mensch das Recht besitzen soll, das Land der Herkunft, Staatsangehörigkeit oder die Wahlheimat zu verlassen, wenn er_sie selbst oder die Gruppe, der er_sie sich zugehörig fühlt, verfolgt wird. Dies soll gelten, ungeachtet dessen, ob diese Gefahr real existiert oder potentiell vorhanden ist. Er_sie soll auch frei sein zu wählen, wo er_sie sich niederlassen will sowie zu entscheiden, in der Nähe der Menschen zu leben, die zu seiner_ihrer sozio-emotionalen Bezugsgruppe gehören. Dies darf auf keinen Fall gegen die Bewegungsfreiheit, das Bleiberecht und die freie Wahl des Wohnortes derjenigen ausgespielt werden, die nicht in einer solchen Situation sind. Wenn Migration unabwendbar ist, muss die Möglichkeit bestehen, sich sofort in Sicherheit zu bringen, ohne bürokratische Bedingungen und Hindernisse. In jedem Land, das während der Reise durchquert wird, muss der rechtliche, wirtschaftliche, soziale, kulturelle und existentielle Schutz garantiert werden. Ebenso muss der gleiche Schutz, wie auch der Zugang zur gemeinsamen Nutzung von Raum und Ressourcen, an allen Orten garantiert sein, an denen sich die Menschen niederlassen, um ihren Lebensplan zu verwirklichen. Diese Schutzmaßnahmen sollen auch dann gelten, wenn diese Menschen einen Ortswechsel vornehmen.

FREIHEIT DER PERSON I
Die Charta von Lampedusa erklärt, dass niemand seiner_ihrer persönlichen Freiheit beraubt, verhaftet oder inhaftiert werden darf aufgrund der bloßen Tatsache, dass er sich entschließt, von seinem_ihrem Herkunftsort oder seiner_ihrer Wahlheimat wegzuziehen und einen neuen Lebensort zu suchen.

FREIHEIT ZUM WIDERSTAND I
Die Charta von Lampedusa erklärt, dass alle Menschen frei sind, sich Regeln und Verordnungen zu widersetzen, die Diskriminierung, Ausbeutung, Konflikte, Ungleichheit und prekäre Lebenssituationen erzeugen. Die heute geltenden Gesetze und Verordnungen, die Migration regeln, schaffen solche Situationen. Die Charta von Lampedusa erklärt, dass Alle die Freiheit haben, sich diesen Regelungen in ihrer Vielschichtigkeit, wie auch in ihren spezifischen Funktionsmechanismen zu widersetzen: Dies gilt für Internierungslager und/oder Gefängnisse, Grenzen, Abschiebungen, Ausweisungen, Zurückweisungen. Ebenso ist Widerstand ein legitimes Mittel bei Aufenthaltserlaubnissen, die Arbeitsverträge voraussetzen, bei ungleichem Zugang zur Beschäftigung und Behausung, Ausbeutung der migrantischen Arbeitskraft, Prekarisierung von Wohn- und Arbeitsbedingungen, bei marktwirtschaftlich bestimmter Beschränkung von Bewegungsfreiheit, Visa- oder Quotenregelungen oder Militäreinsätzen auf Land und Wasser, die der Kontrolle und Verhinderung der Bewegungsfreiheit von Menschen dienen. Die Charta von Lampedusa erklärt die Freiheit und die Pflicht, ungerechten Anordnungen keine Folge zu leisten.


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