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Teil 2



DEMILITARISIERUNG DER GRENZEN
Die EU-Länder Deutschland, Frankreich, England, Holland, Italien, Spanien und Schweden gehören zu den zehn grössten Waffenexporteuren weltweit. Ein sehr hoher Prozentsatz dieser Waffen wird von Ländern importiert, aus denen Menschen flüchten, weil sich die Länder entweder im Konflikt befinden und/oder angeklagt sind, Menschenrechte und demokratische Freiheiten zu verletzen. Die gegenwärtige Politik der Kontrolle und Regulierung der Migration fördert die Militarisierung im Innern und in den Grenzgebieten. Es gibt auch Gebiete, in denen damit die Ausreise von Menschen blockiert oder gefiltert werden soll. Diese Praktiken werden oft mit humanitärer Rhetorik verschleiert oder als einfache Sicherheits- oder Überwachungsmassnahme verkauft. Die Insel Lampedusa nimmt in diesem Prozess eine Schlüsselrolle ein. Die Kontrolle der Grenzen und der Migration mit militärischen Mitteln ist eng verflochten mit einer Aufrüstung zu kriegerischen Zwecken und zur Verteidigung der vorherrschenden ökonomischen Interessen. Die militärische Kontrolle bringt spezifische Formen von zusätzlicher Gewalt hervor, Gewalt an menschlichen Körpern, einschließlich sexueller Gewalt, insbesondere gegen Frauen. Dabei werden Menschen getötet, deren Leichen verschwinden. Dies bringt zusätzliches Leid für Verwandte und Freunde. Die Charta von Lampedusa besteht auf der Notwendigkeit, unverzüglich sämtliche Operationen, sei es militärischer oder ziviler Art, in den betreffenden Ländern zu beendigen sowie Grenzkontrollen abzuschaffen; hierzu gehören auch alle militärischen Praktiken zur Rückweisung von Migrant_innen oder Mobilitätskontrollen auf internationalem Gebiet.
Die Charta von Lampedusa verlangt eine Umverteilung der Ressourcen, welche bis anhin zu militärischen Zwecken bereitgestellt und investiert wurden. Diese Mittel sollen die Reisewege der Menschen, die aufgrund von Notlagen ihr Land verlassen müssen, sichern und für soziale Zwecke für Alle verwendet werden. Die Kombination von humanitärer Hilfe auf der einen Seite und Maßnahmen zur Sicherung der Grenzen auf der anderen, ist eine der grundlegenden Strategien zur Militarisierung der Innen- und Außengrenzen: Migrant_innen werden fern vom europäischem Territorium gehalten oder aber ihre Ankunft wird reguliert. Dies schliesst Gebiete mit ein, in denen Staaten fernab der EU die Ausreise von Menschen verhindern oder einschränken. Die Charta von Lampedusa sieht die Abschaffung folgender Maßnahmen als unbedingt notwendig an:
• das Grenzüberwachungssystem Eurosur, das geschaffen wurde, um die Einwanderung von Migrant_innen in die Staaten der Europäischen Union einzuschränken und zu kontrollieren
• die Europäische Agentur Frontex und ihre derzeitigen Tätigkeiten, eigens geschaffen, um die Einwanderung von Migrant_innen auf den Gebieten der europäischen Staaten zu verhindern
• alle Operationen der Europäischen Union und ihrer Mitgliedsstaaten, die in Grenzgebieten durchgeführt werden (wie die Operation Mare Nostrum, die 2013 startete) sowie Interventionen in Nicht-EU-Staaten (wie Eubam, die 2013 in Libyen begann)
• alle Kontroll- und Kommunikationssysteme sowie Militäreinrichtungen (Elektronik- und Satellitensysteme, Radar, Drohnen, biometrische Kontrollsysteme, Luft- und Wasserfahrzeuge), welche eingesetzt werden, um Migration zu kontrollieren, Gebiete zu Kriegszwecken zu militarisieren und die herrschenden Wirtschaftsinteressen zu zementieren
• alle real existierenden Grenzen, insbesondere die Mauern und physischen Grenzen, welche die Europäische Union umgeben und welche bis in angrenzende Staaten hineinreichen, mit dem Ziel, die Bewegungsfreiheit zu unterbinden In Anbetracht der besonderen Rolle, welche die Militarisierung speziell auf Sizilien spielt, fordert die Charta von Lampedusa, dass folgende Maßnahmen sofort gestoppt werden:
• die Nutzung der Sigonella Naval Air Station zum Transit von Spezialeinheiten des US-Militärs, welche für die Ausbildung von Polizeikräften und bewaffneten Einheiten afrikanischer Regimes eingesetzt werden
• die strategische Nutzung der Sigonella Basis für Kommando und Verwaltung von Drohnen der US- und Nato-Truppen, sowie für Überwachung und Unterstützung von Operationen zur Kontrolle und Bekämpfung von Migration
• die Maßnahmen zum Aufbau einer MUOS-Bodenstation in Niscemi, welche u.a. zur strategischen Koordination von Überwachungseinsätzen im Mittelmeer sowie bei der Rückweisung von Migrant_innen in extraterritoriale Gebiete eingesetzt werden.


BEWEGUNGSFREIHEIT II
Bekräftigung der Bewegungsfreiheit wie in Teil I definiert:
Die Charta von Lampedusa bekräftigt die Notwendigkeit einer unmittelbaren Abschaffung der Visapflicht. Diese hindert einen Teil der Weltbevölkerung an der freien Bewegung und führt zu einer selektiven Mobilität. Die Menschen, die kein Visum erhalten, riskieren bei Grenzüberschreitung ihr Leben. Wenn es ihnen dennoch gelingt, den europäischen Raum zu erreichen, werden ihnen Allen zustehende Rechte verweigert. Abkommen über Wirtschaft und Entwicklungshilfe der Europäischen Union mit jenen Ländern, von denen vermeintlich  eine  „Gefahr  der   Migration“  ausgeht, sind an die Auflage von militärischen Grenzkontrollen gebunden. Ebenso wird in den Abkommen die Rücknahme von Migrant_innen verlangt, die diese Länder passiert haben und von der Europäischen Union zurückgewiesen werden. Solche Vorschriften werden auch verhandelt, wenn Einreisequoten für die Staatsangehörigen aus den Drittländern in die EU festgelegt werden. Die Charta von Lampedusa verlangt die Streichung aller „Migrations- Klauseln“  aus  den Abkommen. Zudem sollen Länder, denen solche aufgezwungen werden, diese zurückweisen und somit die gegenwärtige Europäische Nachbarschaftspolitik ablehnen. So sollen die Beziehungen zwischen Menschen und Staaten von jeglicher Form von Ausbeutung und Migrationskontrolle befreit werden. Die gegenwärtige Migrationspolitik der Europäischen Union koppelt einen legalen Aufenthalt an die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes. Damit wird eine Aufenthaltserlaubnis/Aufenthaltsbewilligung unmittelbar von einem Übersetzung aus dem Italienischen, Zürich im April 2014 Seite 8 von 18 Arbeitsvertrag abhängig gemacht. Diese Verknüpfung kann dazu führen, dass migrantische Arbeiter_innen von ihren Arbeitgeber_innen erpresst werden, was zur Folge haben kann, dass die Rechte und der Schutz aller Arbeiter_innen eingeschränkt werden. Die Charta von Lampedusa besteht darauf, dass das Recht, ein Staatsterritorium zu betreten, sich dort aufzuhalten und zu bleiben, klar getrennt wird vom Vorhandensein eines Arbeitsvertrags. Die Verabschiedung der Eintrittsquoten durch die Mitgliedsstaaten der EU gründet weitgehend auf eigenen wirtschaftlichen Bedürfnissen und ist einer der Hauptgründe für die Illegalisierung von Menschen. Die Charta von Lampedusa sieht die unmittelbare Notwendigkeit, das Quotensystem abzuschaffen sowie die Bleibefreiheit aller Menschen anzuerkennen, die bereits europäisches Gebiet betreten haben. Damit soll das Konzept von Amnestie ein für alle Mal überwunden werden. Die Charta von Lampedusa verlangt zudem die Abschaffung aller qualitativen Kriterien (wie Einkommen und Wohnen), sowie aller quantitativen Einschränkungen (Anzahl und Alter der wieder zu vereinigenden Menschen), welche gegenwärtig die Familienzusammenführung beschränken oder verhindern. Die Charta von Lampedusa verlangt, dass Entscheidungen, welche Minderjährige betreffen, in deren Interesse getroffen werden. Es soll grundsätzlich von der Annahme ihrer Minderjährigkeit ausgegangen werden. Die Charta von Lampedusa fordert, dass der Einsatz von invasiven medizinischen Untersuchungsmethoden zur Altersbestimmung gestoppt wird. Die Charta fordert dazu auf, alles daran zu setzen, den Minderjährigen die Ausübung ihrer Rechte zu garantieren. Zudem dürfen die Betreuungs- und Begleiteinsätze entlang der Migrationsrouten der Minderjährigen nicht mit Militär- oder Polizeikräften durchgeführt werden. Dies muss durch qualifiziertes und erfahrenes Personal geschehen. Zu jedem Zeitpunkt des Migrationsprozesses muss jede_r Migrant_in die Möglichkeit haben zu verstehen, was geschieht. Die Person muss über ihre Rechte informiert und angehört werden, sie muss sich in der eigenen Sprache verständlich machen können sowie an den Entscheidungen teilhaben, die sie unmittelbar betreffen. Die Charta von Lampedusa fordert die Abschaffung aller Verordnungen, welche eine Einreise und/oder einen Aufenthalt direkt oder indirekt als „irregulär“  – also als eine Straftat – definieren. Außerdem fordert sie ein Ende der direkten oder indirekten Kriminalisierung bei Rettung, Aufnahme und Unterbringung von Migrant_innen, ohne Rücksicht auf die „Irregularität“  ihrer  Einreise  und  ihrer Bleibe.


FREIE WAHL DES AUFENTHALTSORTES II
Wir betonen noch einmal die Wahlfreiheit, wie wir sie in Teil I definiert haben. Die Charta von Lampedusa hält es für notwendig, alle nationalen und internationalen Gesetze abzuschaffen, welche die Bewegungsfreiheit, das Bleiberecht und die freie Wahl des Wohnorts einschränken. Wir beziehen uns insbesondere auf die EU-Gesetze, wie diese im Schengen-Abkommen verabschiedet wurden. Sie schränken die Rechte von EU-Bürger_innen ein sowie jener  Menschen,  die  aus  sogenannten  „Drittstaaten“  kommen.   Asylsuchende Menschen sind hiervon besonders betroffen. Die Charta von Lampedusa betont vor allem die Notwendigkeit, das Dublin- Abkommen und alle seine Modifizierungen sofort abzuschaffen. Diese zwingen Migrant_innen dazu, internationalen Schutz im ersten EU-Land der Ankunft zu suchen und damit werden sie daran gehindert, ihren Lebensentwurf frei zu verwirklichen. In diesem Sinn bekräftigt die Charta, dass Menschen die Freiheit haben sollen, zu wählen, in welchem Land sie internationalen Schutz erbitten. Alle Staaten sollten gleichermassen hohe Standards für Schutz und Aufnahme von Menschen bereitstellen, die einen solchen Schutz benötigen. Staaten, welche diese Standards nicht erfüllen, sollten sofort und wirkungsvoll bestraft werden.


BLEIBEFREIHEIT II
Wir betonen noch einmal die Bleibefreiheit, wie wir sie in Teil I definiert haben. Eines der Hauptinstrumente, um Migrant_innen zu unterdrücken und zu kontrollieren, ist die enge Verbindung zwischen dem Recht auf Niederlassung und der Erfüllung von mehr oder weniger komplizierten bürokratischen Formalitäten. Die Regelung dieser Formalitäten ist in vielen Ländern de facto eine separate und spezialisierte Gesetzgebung. Dadurch wird eine Kategorie von Menschen geschaffen, die weniger Rechte haben, die der Grenzkontrolle und den Interessen der Staaten unterworfen sind. Deswegen fordert die Charta von Lampedusa die sofortige Abschaffung aller Bedingungen (sowohl schriftlich verankert, als auch der Praxis), die Menschen daran hindern, Zugang zu gleichen Rechten zu haben, unabhängig davon, aus welchem Land sie kommen. Dies gilt ebenso für den Zugang zu Sozialleistungen, zu bezahlter Arbeit, als auch zu politischen Rechten, zu Übersetzung aus dem Italienischen, Zürich im April 2014 Seite 10 von 18 Wahlrecht und zu Recht auf Staatsbürgerschaft. Die Charta von Lampedusa betrachtet es zudem als dringend notwendig, dass die Anforderungen für ein formell legalisiertes Aufenthaltsrecht gesenkt werden. Unabhängig von der Staatsbürgerschaft soll der Nachweis der Identität dafür ausreichend sein. Diese Maßnahmen sollen zukünftig nicht mehr vom Innenministerium oder von der Polizei ergriffen und ausgeführt werden.

A. Recht auf Arbeit
Ganze Sektoren des europäischen Arbeitsmarktes basieren auf der Ausbeutung migrantischer Arbeitskräfte. Gerade Haus- und Care-Arbeit werden vor allem von migrantischen Frauen gemacht. Sie sind Lückenfüller für das, was die öffentlichen Institutionen bislang vernachlässigen. Diese reproduktive Arbeit nützt der Gesellschaft, sie ist zu sehr niedrigen Löhnen erhältlich, und die Arbeiterinnen haben kaum Rechte. Folglich entziehen sich die öffentlichen Institutionen noch mehr ihrer Verantwortung. Zunehmend werden Migrant_innen wie selbstverständlich in einer neuartigen Versklavung ausgebeutet. Diese Ausbeutung beinhaltet auch Formen von Erpressung und die Migrant_innen sind häufig physischer, psychischer, sexistischer und sexueller Gewalt ausgesetzt. Weil Staatszugehörigkeit und Herkunft auf dem Arbeitsmarkt zählen, sind zahlreiche Berufe für viele der Frauen und Männer gar nicht zugänglich. Zudem werden häufig Diplome und Abschlusszeugnisse für Ausbildungsgänge nicht anerkannt. Andere Fähigkeiten und Berufserfahrungen, ob mit oder ohne Dokumente, werden nicht zur Kenntnis genommen. Das bedeutet in der Praxis, dass den Migrant_innen berufliche und persönliche Laufbahnen abgesprochen und verunmöglicht werden. Deswegen fordert die Charta von Lampedusa Zugang zu allen Berufen und Arbeitsplätzen. Alle Menschen haben ein Recht auf sichere Arbeit bei gleichem Lohn, ohne Ausbeutung und Diskriminierung. Alle Menschen verdienen Respekt in allen Bereichen des menschlichen Daseins. Diese Rechte müssen durch gleiche Löhne garantiert werden, vertragliche Abmachungen müssen eingehalten werden. Ungerechte Arbeitsverhältnisse entstehen auch, weil Unternehmen ihre Produktionsstätten in Billiglohnländer verlagern, um noch mehr Profit zu machen. Selbstverständlich müssen auch in diesen Ländern Lohnstandards und Verträge eingehalten werden. Nur so kann eine gerechtere Verteilung von Arbeit und Ressourcen verwirklicht werden.

B. Recht auf eine Unterkunft und deren Gestaltung
Ein Großteil der Weltbevölkerung kann zur Zeit das Recht, eine Unterkunft zu haben, diese zu beleben, individuell einzurichten und zu gestalten, nicht in Übersetzung aus dem Italienischen, Zürich im April 2014 Seite 11 von 18 Anspruch nehmen. Es hängt von der Herkunft und der Höhe des Einkommens ab. Für uns ist klar, dass das Recht auf eine Behausung und deren Gestaltung die Grundlage ist für die Ausübung weiterer Rechte – z.B. sich politisch zu engagieren oder sein Lebensprojekt am Ort der Wahl zu verfolgen. Aufgrund von Staatsangehörigkeit, religiöser Zugehörigkeit oder aufgrund der sozioökonomischen Situation werden viele Minderheiten und Communities an bestimmte Lebensorte verdrängt. Das verletzt ihr Recht auf eine Behausung und deren Gestaltung. Sie werden vom Rest der Stadt abgetrennt aufgrund von diskriminierenden Vorurteilen. Sie sind gezwungen, ihren Lebensplan umzustellen. Viele private und öffentliche Gebäude stehen leer und könnten als Wohnungen zur Verfügung gestellt, belebt und gestaltet werden. Deshalb erklärt die Charta von Lampedusa, dass alle Menschen das Recht haben, einen geeigneten Ort zu bewohnen. Dieser Wohnort muss den eigenen Plänen für ein erfülltes Leben entsprechen und in einem sozialen Umfeld eingebettet sein.

C. Recht auf Gesundheitsversorgung und Sozialleistungen
Zu einem erfüllten Leben gehören Austausch, Interdependenz mit anderen und mit der ganzen Gesellschaft. Diese gegenseitige Abhängigkeit ist in bestimmten Lebensphasen bedeutender als in andern, so beispielsweise während einer Schwangerschaft, Elternzeit, Kindheit oder im Alter, ebenso bei Krankheit oder Behinderung. Der Zugang zu öffentlichen Hilfeleistungen, welche in diesen Abhängigkeitsphasen wichtig sind, ist nicht für alle Menschen gleichermaßen offen. Benachteiligungen entstehen durch Herkunft, Staatsangehörigkeit, Geschlecht und/oder sozialen, wirtschaftlichen und rechtlichen Status. Zugang zu Gesundheitseinrichtungen, medizinischer Behandlung, finanzieller Unterstützung und weiteren Hilfeleistungen – wie etwa Mutter-Kind-Fürsorge oder Fürsorge älterer Menschen – muss für jeden Menschen gewährleistet sein.

D. Recht auf Bildung
Zugang zu Wissen und Bildung muss allen Menschen offen stehen und für Alle gewährleistet sein, kein Mensch darf dabei benachteiligt werden. Denn Wissen und Bildung sind die Grundlage dafür, dass Menschen ihre Lebenspläne verwirklichen und sich in allen Dimensionen ihres Seins entfalten können. In europäischen Ländern wird derzeit der Zugang zu Bildungseinrichtungen Übersetzung aus dem Italienischen, Zürich im April 2014 Seite 12 von 18 beschränkt und ist abhängig vom rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Status der_s Bewerber_in. Das Erlernen der Landessprache ist von grundlegender Bedeutung für die freie Lebensgestaltung. Der Zugang zum Sprachunterricht darf deshalb nicht vom Aufenthaltsstatus abhängig gemacht werden. Deswegen erklärt die Charta von Lampedusa: Alle diskriminierenden Maßnahmen, die den Zugang zu Wissen, Bildung, Erlernen der Landessprache oder der eigenen Muttersprache(n) behindern, müssen abgeschafft werden. Zudem muss der Zugang zu einem sozialen Umfeld, in dem Sprachen gelernt und Wissen vermehrt werden können, gewährleistet sein. Ebenso braucht es eine Standardisierung der Anerkennung von Bildungsdiplomen, von Lern- und Berufslaufbahnen. Alle Bestimmungen, die aufgrund von Herkunft, Staatsangehörigkeit, rechtlichem, sozialem oder wirtschaftlichem Status unterschiedliche Bildungschancen schaffen oder behindern, müssen abgeschafft werden. E. Recht auf Gründung und Schutz von Familie und Partnerschaft Jeder Mensch soll die Freiheit haben, nach eigener Wahl eine Familie zu gründen oder in einer Partnerschaft zu leben. Diese Wahlfreiheit muss anerkannt werden, unabhängig von der Staatsangehörigkeit, vom rechtlichen, wirtschaftlichen, sozialen Status oder von der sexuellen Orientierung. Oft beschränken wirtschaftliche und soziale Zwänge die Möglichkeit, eine Familie zu gründen oder eine Partnerschaft einzugehen und diese zu erhalten. Insbesondere gilt dies für Migrant_innen, die häufig eingeschränkte Rechte auf dem Arbeitsmarkt, bei Sozialleistungen und bei der politischen Partizipation haben. Die Charta von Lampedusa fordert, dass alle institutionellen Hindernisse (Praktiken, Kontrollen und Gesetze) beseitigt werden, die die Freiheit zur Familiengründung und Partnerschaft sowie deren Aufrechterhaltung beschränken oder verhindern. Es darf keine Ungleichheit in der Familie oder in der Partnerschaft aufgrund des Aufenthaltsstatus einer_s Partners_in entstehen. Dies gilt insbesondere für Eheschließungen zwischen EU- Angehörigen mit Personen von außerhalb der EU und auch für Eheschließungen zwischen Personen ohne EU-Angehörigkeit. Die Charta von Lampedusa fordert zudem, dass die Einheit der Familie oder Partnerschaft respektiert wird. Insbesondere müssen Genehmigungen zur Einreise und zum Aufenthalt für Familien und Partnerschaften von Personen sowohl mit als auch ohne EU-Angehörigkeit oder aus Nicht-EU-Ländern erteilt werden.

F. Recht auf soziale und politische Partizipation
Heute sind Millionen von Menschen in dem Land, in dem ihr Lebensmittelpunkt ist, ohne Zugang zu politischen oder sozialen Rechten. Grund dafür sind gesetzliche und bürokratische Hürden, schlechte Wohnlagen oder auch wirtschaftliche und ökologische Benachteiligungen. Die Charta von Lampedusa fordert für jeden Menschen, unabhängig von der Staatsangehörigkeit und vom rechtlichen, sozialen oder wirtschaftlichen Status, den ungehinderten Zugang zum öffentlichen Raum, soziale Partizipation sowie aktives und passives Wahlrecht auf lokaler, nationaler und übernationaler Ebene.

G. Nicht diskriminierende, alle Menschen respektierende Sprache
Gegenwärtig ist eine fremdenfeindliche und offen rassistische Rhetorik weit verbreitet in der Öffentlichkeit und in den Medien. Der Rassismus, der sich hinter der Sprache versteckt, konstruiert Unterschiede zwischen Menschen, versteht Kultur als etwas Statisches und Unveränderliches und fördert rechtliche, wirtschaftliche und soziale Benachteiligung. Medialer Rassismus ist eng verbunden mit Formen von institutionalisiertem Rassismus, die den Zugang zu Rechten aufgrund von Herkunft und/oder der Staatsangehörigkeit beschränken. Weit verbreitete und als normal empfundene Begriffe wie „Illegale“/“Illegaler“,  auch zu finden in Gesetzestexten, sind diskriminierend, schaffen Stereotype und Vorurteile und kriminalisieren Menschen. Die verwendeten Ausdrücke sowie der Tonfall stigmatisieren und diskriminieren Personen aufgrund von tatsächlicher oder vermuteter Herkunft und sozialer, kultureller und religiöser Zugehörigkeit. Diese Prozesse der Kriminalisierung und Stigmatisierung entstehen durch die permanente Verweigerung des Rechts von Migrant_innen, in den Medien und in der Öffentlichkeit das Wort zu ergreifen, sich selbst zu vertreten und selbst zu erzählen. Als Folge davon entstehen partielle und einseitige Informationen. Die Ankunft von Migrant_innen auf der Insel Lampedusa und an anderen Grenzen Europas wird in den Medien aufgebauscht. Es wird eine skandalisierende Sprache verwendet und Sicherheitsaspekte werden in den Vordergrund gestellt, die die Realität verzerren und die Einzelschicksale negieren. So haben die Medien Anteil an der Zunahme von Rassismus und Diskriminierung. Die Charta von Lampedusa hat eine politische Vision, in der die Beziehungen Übersetzung aus dem Italienischen, Zürich im April 2014 Seite 14 von 18 zwischen Menschen unabhängig sind von Herkunft, Staatsangehörigkeit, tatsächlicher oder vermuteter kultureller oder religiöser Zugehörigkeit. Sie fordert dazu auf, jede sprachliche Ausdrucksweise zu bekämpfen, die auf Vorurteilen, Diskriminierung und Rassismus beruht, unabhängig vom Ort oder Kontext. Die öffentlichen Ressourcen für den Genuss und die Produktion von Kunst und Kultur sind für Migrant_innen oft nicht zugänglich. Gerade aber weil es grundlegend ist, nicht nur Objekt von anderen zu sein, fordert die Charta von Lampedusa das Recht für Alle auf Zugang zu öffentlicher Kunstförderung, zu Fonds sowie zu Kunst- und Kulturräumen.

H. Neue Formen der Staatbürger_innenschaft
Mit der Entstehung von Nationalstaaten ist Staatsangehörigkeit zu einem Instrument für Ein- und Ausschluss geworden. Ursprünglich unveränderbare und universelle Rechte sind damit zu Privilegien geworden, die an den juristischen Aufenthaltsstatus gebunden sind. Die EU hat es bisher versäumt, die Staatsbürgerschaften auf europäischem Boden so zu gestalten, so dass diese eine einschliessende Funktion übernehmen könnten. Hingegen hat sie Freizügigkeit auf Menschen beschränkt, die bereits eine Staatsbürgerschaft eines der Mitgliedstaaten haben. Die EU-Erweiterung hat zu einer internen Hierarchisierung verschiedener Staatsbürgerschaften geführt, abhängig vom Zeitpunkt des Eintritts in die Union. Die Charta von Lampedusa fordert gleiche Rechte für Alle, die sich auf dem Gebiet der EU aufhalten, unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit. Die Charta von Lampedusa fordert eine europäische Staatsbürger_innenschaft, die  auf  dem  „ius  soli“  (Geburtsortsprinzip)  beruht. Die Charta von Lampedusa hält fest, dass nicht mehr die nationale Herkunft, sondern der Aufenthaltsort als Kriterium für Staatsbürger_innschaft gelten soll. Hierfür müssen neue Gesetze erarbeitet werden.


FREIHEIT, DAS EIGENE LEBEN ZU LEBEN II
Das Recht auf Bewegungsfreiheit und eigene Lebensgestaltung muss gewährleistet sein, auch im Falle einer Migration – s. Teil I. Wir lehnen eine sogenannt humanitäre Politik von Staaten, überstaatlichen oder internationalen Organisationen ab, wenn sie die Bewegungsfreiheit von Übersetzung aus dem Italienischen, Zürich im April 2014 Seite 15 von 18 Menschen beschränkt, Notsuchenden den Zugang zu Sicherheitszonen verweigert oder Reisewege von Migrant_innen behindert. Diese Politik führt dazu, dass Tausende von Menschen gezwungen sind, langfristig oder sogar dauerhaft unter prekären Lebensbedingungen in Flüchtlingslagern zu leben. Wir lehnen humanitäre Maßnahmen ab, insofern sie EU-Beschlüsse mit dem Ziel unterstützen, Flüchtlinge in außereuropäische Territorien auszulagern. Dabei werden Menschen auf selektiver Basis rückgeschafft (resettlement) oder ihre Ankunft in Europa verhindert (regional protection program). Wir lehnen diese Politik ab, insofern es sich um die Kehrseite einer Politik des Krieges, der Militarisierung und der ökonomischen Ausbeutung dieser Gebiete handelt. Die Charta von Lampedusa betrachtet es als notwendig, Reisewege zu schaffen, die eine unmittelbare Einreisemöglichkeit für Menschen garantieren, die ihr Geburts-, Staatsbürgerschaft- oder Aufenthaltsland verlassen müssen, weil sie vor Krieg flüchten, vor individueller oder kollektiver Verfolgung, vor Klima- und Umweltkatastrophen oder vor ökonomischen und sozialen Problemen. Dies darf jedoch auf keinen Fall gegen die Bewegungsfreiheit, das Bleiberecht und die freie Wahl des Wohnortes derjenigen ausgespielt werden, die nicht in einer solchen Situation sind. Bevor solche Reiserouten angelegt sind, muss Rettung aus Notlage als unbedingte Pflicht gelten, wie in internationalen Vereinbarungen festgelegt. Territoriale Kompetenzstreitigkeiten oder verspätete Rettungseinsätze, die bisher tausende Todesopfer gefordert haben, sind unzulässig. Der unbedingte Schutz für Alle, die internationalen Schutz suchen, muss garantiert werden, auch in internationalen Gewässern und Territorien. Dieser Schutz gilt von der ersten Kontaktaufnahme mit den Behörden eines Mitgliedstaates, unabhängig davon, wie dieser Kontakt zustande kommt. Die Charta von Lampedusa fordert das sofortige Verbot aller formellen oder informellen Zurückweisungen an den internen und externen EU-Grenzen. Die Charta von Lampedusa verlangt die Beendigung der Politik der EU, das Asylsystem in Staaten außerhalb der EU zu verlagern: Die EU gibt somit ihre Verantwortung für internationalen Schutz an diejenigen Staaten ab, durch die die Migrant_innen gereist sind, um der Not zu entkommen. Auch in Notsituationen müssen Menschen Wahlfreiheit haben. Es gibt verschiedene Beweggründe für Migration. Trotzdem lehnt die Charta von Lampedusa Kriterien zur Überprüfung von Fluchtursachen ab. Dadurch werden Menschen gezwungen, ihre Migrationsgründe zu beweisen, um Zugang zu bestimmten Rechten zu erhalten. Die Charta von Lampedusa sieht es als notwendig, dass am Ankunftsort alle Übersetzung aus dem Italienischen, Zürich im April 2014 Seite 16 von 18 nötigen Mittel zur Verfügung stehen, um jenen, die internationalen Schutz ersuchen, Zuflucht zu gewähren und die sofortige Eingliederung ins wirtschaftliche und soziale Leben zu ermöglichen. Die Charta von Lampedusa verlangt die Abschaffung des Empfangssystems, das auf Lagern und Zentren basiert. Stattdessen soll im ganzen Mittelmeerraum und darüber hinaus der Empfang von Flüchtlingen gemeinsam und an verschiedenen Orten gehandhabt werden. Diese Empfangsmassnahmen sollen umfassend und dezentral sein, sowie auf der Anerkennung individueller Reisewege beruhen. Selbstverwaltung und Selbstorganisation des Empfangs sollen damit gefördert werden. Gleichzeitig wird das Ziel verfolgt, dass die soziale Dimension der Ankunft von Flüchtlingen berücksichtigt und Spekulation und Monopolbildung des Empfangs verhindert werden. Massnahmen, welche gleich nach der Ankunft von Personen getroffen werden, müssen die Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen berücksichtigen. Familien und andere Menschen, die in enger Beziehung stehen, müssen zusammenbleiben dürfen.


FREIHEIT DER PERSON II
Wir bekräftigen die Freiheit der Person wie sie in Teil I definiert wurde. Für Migrant_innen ohne Aufenthaltserlaubnis sieht die Migrationspolitik in der EU und an ihren Grenzen Administrativhaft (Abschiebe-/Ausschaffungshaft) vor. Zudem erwartet diejenigen, die internationalen Schutz suchen, ein umfangreiches Strafsystem. Die Ankunftsorte sind meistens zugleich Orte, die Gefängnissen gleichen. An diesen Orten müssen die Hilfesuchenden so lange verharren, wie das bürokratische Verfahren dauert, das ihnen einen Flüchtlingsstatus zuspricht. Die Migrations- und Flüchtlingspolitik der EU hat ein System der Regulierung und Kontrolle geschaffen, das die Inhaftierungen und Bestrafung sogar in Nicht-EU-Staaten zulässt. Wir verurteilen alle Todesfälle und die Gewalt, die in den Haft- und Internierungslagern auf dem Gebiet der EU und in den Staaten, in welchen die EU ihre externalisierte Grenzkontrolle ausübt, stattfanden. Die Verantwortlichkeit für diese Gewalt- und Todesfälle wurde nie aufgeklärt und die Taten sind ungestraft geblieben. Es ist nicht möglich, diese Orte irgendwie zu reformieren. Denn sie haben die symbolische und politische Funktion, Menschen zu kriminalisieren und bewirken, dass Migrant_innen rechtlich, ökonomisch und sozial herabgesetzt Übersetzung aus dem Italienischen, Zürich im April 2014 Seite 17 von 18 werden. Für dieses System werden viele öffentliche Gelder ausgegeben und dabei profitieren auch besonders Personen, die mit dem Leben von Migrant_innen spekulieren. Aus diesem Grunde fordert die Charta von Lampedusa, dass die Administrativhaft (Abschiebe-/Ausschaffungshaft) sofort abgeschafft wird. Alle Internierungslager, wie sie auch heißen oder ausgestattet sein mögen, sollen geschlossen werden. Ebenso sollen alle bisherigen Empfangsformen, entsprechende Gesetze, Verordnungen oder informelle Regelungen zur Einschränkung der Bewegungsfreiheit, zur Festnahme und Internierung, abgeschafft werden. Die Charta von Lampedusa verlangt, dass die Mittel, mit denen diese Einrichtungen bisher finanziert wurden, für soziale Projekte für Alle eingesetzt werden.


zur Präambel zu Teil 1